Wer therapiert eigentlich Therapeuten?

 

 

 

 

Mein persönlicher Weg geht doch sehr mit meiner Profession als Therapeutin einher. Oft höre ich Aussagen wie: „Viele Psychologen brauchen ja selbst einen Therapeuten! Wie sollen die uns helfen?“

 

Nun, dahinter steckt die Annahme, dass man psychisch fit sein müsse, um anderen helfen zu können. Das ist definitiv ein Irrtum. Wenn jeder Therapeut erst angstfrei und immer zufrieden sein muss und erst alles in seinem Leben wie geschmiert laufen muss, bevor er seinen Job gut machen kann, dann könnten wir von niemandem etwas über uns lernen, von gar niemandem.

 


Jeder Mensch, egal welchen Beruf er ausübt, hat Phasen von Angst oder Depression und erlebt Krisen in seinem Leben. Ängste und Schwierigkeiten sind eben kein Ausdruck von Schwäche und Unfähigkeit, sondern es sind wichtige Entwicklungsstufen.

 

Aus meinem eigenen Leben kann ich berichten, dass es mir recht oft vor Angst den Atem verschlagen hat, auch teilweise wochenlang. Es ging mir dann nicht gut und ich erlebte tiefe Verzweiflung.  Gerade dann brauchte ich Menschen, die mich von außen anschauen und mir sagen, wo mein blinder Fleck ist, den ich einfach nicht sah.

 

Ein Beispiel:

 

In der Trennung nach 27 gemeinsamen Jahren, habe ich mich hundeelend gefühlt - und zwar über Wochen. Mich plagten Gewissensbisse gegenüber meinem Mann und meinen Kindern (die damals bereits erwachsen waren) und ich hatte große Angst vor der unbekannten Zukunft. Ich wollte diese Trennung, ich war sicher, den richtigen Schritt gemacht zu haben und ich verstand mich selbst nicht.

 

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits unzählige Therapieerfahrungen, Hypnose-Sitzungen, Reki- Behandlungen und diverse therapeutische sowie spirituelle Ausbildungen hinter mir, meine Kindheit und all die unguten Erfahrungen darin aufgearbeitet und mich damit ausgesöhnt, wie ich glaubte.

 

All meine Ängste erfolgreich beseitigt und dann das! Keine dieser Methoden konnte mir helfen.

 

Ich suchte also nach dem tiefer liegenden Problem. Eines Tages hatte ich einen Klienten, der in einer ähnlichen Situation war wie ich. Und dann geschah es: ich verstand, wo mein Problem lag! Er, der Klient, hatte mir die Augen geöffnet. Ich hatte mir verboten, meinen Mann, mit dem ich so viele Jahre mein Leben geteilt hatte, auch nach der Trennung zu lieben. Was für ein Irrsinn!

 

Ich erlaubte mir von da an, ihn weiterhin zu lieben, so wie vorher auch und - schwupp! - meine schmerzlichen Gefühle waren verschwunden. Ich konnte mich der Zukunft ohne ihn widmen, denn er war ja für immer in meinem Herzen.

 

Und falls Sie sich jetzt fragen, warum wir uns dann überhaupt getrennt haben, hier nur so viel: Unser beider Lebensweg sah vor, neue Erfahrungen zu machen, weiter zu gehen und zu lernen. Mit anderen Partnern und neuen Lebensausrichtungen, die sehr unterschiedlich waren. Das sagte mir meine innere Stimme, ja diese Trennung ist so in Ordnung und ja, wir dürfen einander weiterhin lieben. So wie Kinder, die aus dem Haus gehen weiterhin ihre Eltern lieben.

 

Es war kein Therapeut, der mir den Weg gezeigt hat, es war ein Mensch, der meine Hilfe suchte, weil es ihm schlecht ging. Wir beide waren füreinander sehr wichtig in dieser Zeit, jeder auf eine andere Art und Weise.

 

Ich hatte meine Lektion gelernt und es folgten viele weitere Engpässe in meiner Befindlichkeit. Klar, das macht keinen Spaß, sich schlecht zu fühlen, aber ich kann diese Gefühle annehmen und als wichtigen Entwicklungsschritt in meinem Leben da sein lassen. Jedes Mal lerne ich etwas über mich, erweitere mein Bewusstsein für uns menschliche Wesen. Eine große Portion Demut, Selbstliebe und die Bereitschaft, sich anderen gegenüber zu öffnen ohne sie zu bewerten, ihnen aufmerksam zuzuhören und niemals ihre Weisheit in Frage zu stellen, das ist der wahre Reichtum, den ich aus dieser Lektion gewonnen habe – und den ich bis heute von meinen Klienten, meinen Freunden, meinem gesamten Umfeld bekomme.

 

Ja, auch Therapeuten haben Ängste, Frust und Lebensprobleme und das sagt nichts über ihre Fähigkeiten im Job aus. Es ist ganz sicher von Vorteil, bereits gelernt zu haben, wie man an Ängste, Sorgen und Probleme im persönlichen Bereich herangehen kann. Doch so wie Therapeuten tagtäglich Ihren Klienten ihre blinden Flecken zeigen, so brauchen auch Therapeuten von Zeit zu Zeit Impulse von außen, um innerlich weiter wachsen zu können.

 

Denn wir alle entwickeln uns immer weiter und dabei darf man sich helfen lassen. Die therapeutische Stärke liegt nicht darin, permanent glücklich zu sein, sondern in der Bereitschaft, demütig zuzuhören, und sich selbst in der Unvollkommenheit zu akzeptieren, aber in seinem persönlichen inneren Wachstum niemals stehen zu bleiben. Nur dann können wir unseren Kunden auf Augenhöhe gegenüber stehen und sie damit wahrhaft verstehen.

 

Wir alle erweitern ständig unser Bewusstsein und damit treiben wir gemeinsam die Ausdehnung des Universums weiter voran. Schauen wir gegenseitig auf unsere blinden Flecken und freuen wir uns über noch viele wunderschöne und liebevolle Erkenntnisse in unserem Leben.

 

 

Alles Liebe

Kathrin Schmitz