Die Bleiente

Ich bin eine Bleiente… haben sie gesagt, damals, als ich noch gar nicht übergewichtig und beim Badminton ziemlich gut war, aber eben nie schnell und schon gar nicht wendig genug.

Heute will ich die Ente zu Wasser lassen. Das mache ich gerne. Wasser ist mein Element. Es lässt mich mein Gewicht vergessen und am liebsten lasse ich mich einfach treiben. Wie ein Toter auf der Wasseroberfläche zu liegen sollte mir also bekannt und vertraut sein… und doch bin ich gespannt: Ich gehe heute Floaten!

Im Reset Center, in Bergheim bei Köln, ist es ruhig. Die Atmosphäre hat etwas sanft Beruhigendes und auch das Lächeln, mit dem ich begrüßt werde, strahlt eine ruhige Freundlichkeit aus. Das hier ist ein Ort zum Loslassen, das spürt man sofort.

 

Ich bekomme eine ausführliche Einweisung für das, was mich erwartet und lerne, dass ich in hochkonzentrierter Salzlösung baden werde – höher konzentriert als im Toten Meer. Die Bleiente kann also definitiv nicht untergehen.

 

Gefloatet wird hier in offenen Pools und nicht, wie auch vom Floating bekannt, in einem geschlossenen Samadhi-Tank. Das dürfte Klaustrophobiker beruhigen.

 

Trotzdem werde ich auch hier im Dunklen und ganz für mich allein sein. Luft- und Wassertemperatur entsprechen exakt meiner Körpertemperatur und da man unbekleidet floatet, gibt es nichts zu sehen, nichts zu hören und auch nichts zu fühlen. Sensorische Deprivation heißt der Fachbegriff – das Fehlen äußerer Sinnesreize.

 

Im Pool-Raum ist die Luft schwer, feucht und sehr warm – zu warm für Klamotten. Alles ist sauber, schön und ein wenig sphärisch mit der Buddha-Figur in der Ecke. Ich habe meine eigene Toilette, eine Dusche und den Pool mit schätzungsweise 3 m Durchmesser für mich allein.

 

Nach dem Duschen und unbekleidet fühle ich mich in der warmen Luft sehr wohlig und steige in das knietiefe Wasser. Einen feuchten Waschlappen für den Notfall am Pool-Rand – Salzwasser in den Augen würde mich aus dem Becken zwingen – setze ich mich. Der hohe Salzgehalt zeigt Wirkung. Der Auftrieb ist so stark, dass es ganz leicht fällt, sich zurückzulehnen und sofort wie ein Korken auf dem Wasser zu tanzen. Ein paar Mal pendele ich hin und her, berühre mal mit den Füßen und mal mit dem Kopf den Pool-Rand, doch dann liege ich still. Das Licht verlöscht selbständig nach einigen Augenblicken.

 

Es ist völlig dunkel. Mit den Ohren unter Wasser höre ich nichts weiter als das Rauschen meines eigenen Blutes und nur an den Stellen meines Körpers, die vom Eintauchen ins Wasser noch feucht sind, spüre ich eine leichte Kühle. Ich weiß nicht genau, wo hin mit den Armen, also lasse ich sie einfach ausgebreitet schwimmen.

 

Ich schließe die Augen, ist ja eh nichts zu sehen, und warte. Was wird hier passieren? Mir ist inzwischen rundum warm und ich spüre nur noch wage, wo das Wasser meine Haut berührt. Allerdings habe ich das Gefühl, mich im Pool zu drehen.

 

Meine Gedanken wandern durch den vergangenen Tag und zu den Dingen, die ich noch vorhabe. Ich wollte doch abschalten. Auf den Atem konzentrieren, das war der Tipp, wenn sich die Gedanken nicht beruhigen wollen. Ich versuche es… drei, vier Atemzüge lang, dann hänge ich wieder in meinem Gedankenkarussell und ärgere mich darüber.

 

Langsam werde ich müde und auch das Karussell in meinem Kopf scheint sich träger zu drehen. Es tauchen seltsame Erinnerungen auf, die so gar nicht zu den Alltagsgedanken im Karussell passen wollen.

 

Und dann habe ich das Gefühl zu schweben – mehrmals schrecke ich von leisen Schnarchgeräuschen auf und jedes Mal verschwindet im selben Moment ein diffuses, traumähnliches Bild aus meiner Wahrnehmung. Ich will weiterschweben.

 

Plötzlich ertönt ein Gong. Das Licht geht an und ich schrecke auf. Eine Bildsequenz hängt noch in meinem Kopf, ich stehe auf dem Badmintonfeld wie angenagelt und kann mich nicht bewegen. Die Bälle fliegen mir um die Ohren und ich treffe keinen davon. Bleiente.

 

Ich suche nach Orientierung und registriere erst jetzt, dass ich im Floating-Pool sitze. Leicht verwirrt kehre ich wieder in die Realität zurück, spüre noch immer das Gefühl aus der Traumsequenz in mir. Ich warte noch ein paar Augenblicke, dann steige ich aus dem Pool und gehe duschen. Gedankenversunken. Seltsames Erlebnis.

 

Nachdem ich mich mühsam in der Hitze des Pool-Raums angezogen habe, bin ich wieder ganz da. Draußen nehme ich in der Landing-Zone in einem bequemen Liegesessel Platz. Neben mir ein Tablett mit einer Wasser-Karaffe, einem Obstsalat, Nüssen und Keksen. Ich habe Durst und mache mich nach dem Trinken über den Obstsalat her. Der Floating-Guide mit dem freundlichen Lächeln schaut vorbei und fragt nach meinem Befinden. Ja, wie fühle ich mich? Mein Körper ist tief entspannt und kuschelig warm. In meinem Kopf hängt noch eine Dunstglocke. Aber es geht mir gut. Wirklich gut.

 

Ich erzähle, dass ich wohl sehr versunken war und geträumt habe. Er erklärt mir, dass sich die Reise nach innen bisweilen so anfühlen kann, wie träumen. Ich soll meine Erfahrung einfach mal nachwirken lassen. Aha!

 

Das Floating war ein echtes Erlebnis. Etwas, das sich so gar nicht vergleichen lässt mit anderen Entspannungspraktiken. Außer vielleicht mit Meditation. Aber im Gegensatz zum auf Dauer doch mächtig unbequemen Sitzen auf kleinen Kissen, bin ich im Floating sehr viel komfortabler und entspannter in die Ruhe geschwebt.

 

Einige Tage später ist mir klar, dass ich im Floating nicht nur getagträumt habe.

 

Bei allem Humor dabei, wenn ich mich selbst als Bleiente bezeichne, steckt darin auch immer ein schmerzhafter Stachel. War es damals noch völlig übertrieben und eine reichlich gefühllose Art, sich über mich lustig zu machen, so ist es heute meine Realität geworden. Ich bin bleischwer und ziemlich unbeweglich, mache mich über mich selbst lustig und leide unverändert darunter, nicht die Erwartungen anderer zu erfüllen.

 

Habe ich die Erfahrung von damals so tief verinnerlicht, dass sich mein Körper genau in die beschriebene Form entwickelt hat? Und heißt das dann, dass ich ihn heute auch wieder verändern kann, indem ich es mir innerlich leichter mache? Mit mehr Entspannung und weniger Selbstverachtung zum Beispiel.

 

Das Floating hat mich nachhaltig beeindruckt. Offensichtlich hat es mich nicht nur in eine entspannte Ruhe sondern auch zu einer wichtigen Erkenntnis geführt. Ich will mehr davon.